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Die Kunst des Sterbens: Warum du dich JETZT mit dem Tod auseinander setzen solltest

Achtung Spoiler Alert: Wir werden alle sterben. Diesen ultimativen Fact aller Facts vergessen wir als urbane junge Menschen im hektischen Alltag gerne. Wir reden nämlich auch nicht darüber.

Der Tod ist für die meisten einfach nicht so sichtbar oder präsent. Höchstens im Herbst, wenn in der Natur alles vergeht und Skelette als Deko in den Schaufenstern hängen oder wir zu Allerseelen ein Familiengrab besuchen, ist Sterben kurzzeitig präsenter als den Rest des Jahres.

Pia Gärtner über die Kunst des Sterbens & warum eine Auseinandersetzung mit dem Thema gerade JETZT wichtig ist.

Während wir offen über Themen wie Menstruation und Sexualität sprechen und wirklich alles, was früher als Tabuthema gegolten hätte, medial durchgekaut wurde, haften Tod und Sterben immer noch jede Menge „lieber nicht“ an, was eine vernünftige Auseinandersetzung damit schwierig macht.

Wieso sollten wir auch, in der Blüte des Lebens, darüber nachdenken, wenn alles fein ist? Gerade dann, wenn alles fein ist! 

Manchmal gibt es nämlich Momente, in denen das Leben plötzlich fragil erscheint und wir uns der Sterblichkeit bewusst werden: Ein geliebter Mensch oder das Haustier stirbt, jemand wird krank, wir werden 30 und/oder haben eine gravierende Lebenskrise.

Auch COVID-19 und die Naturkatastrophen der letzten Jahre haben den Tod für alle vor den Vorhang geholt, in die Gesellschaft, mitten in unseren bequemen und hohen Lebensstandard hinein.

Angst, um ältere Familienmitglieder, aber auch um das eigene Leben kam hoch. Und wenn diese Momente dann da sind (und ich garantiere euch, sie kommen – kollektiv und im persönlichen Umfeld), hat man andere Dinge zu tun und sowieso keinen klaren Kopf mehr, um sich in Ruhe Gedanken darüber zu machen.

Der Tod kann nicht vermieden werden. Die Verzweiflung, die Angst und die negativen Assoziationen damit aber schon.

Es ist dabei ganz egal, ob du einen spirituellen Zugang hast, oder nicht: Es zahlt sich aus, dem Thema JETZT Aufmerksamkeit zu geben. Den ganzen unguten Gefühlen, die aufkommen, können und sollten wir uns am besten stellen, bevor wir in Situationen kommen, wo sowieso alles schwierig ist. 

Pia Gärtner findet wir müssen lernen über den Tod zu sprechen.

Wir müssen lernen, über das Sterben zu reden – abseits von Klischees

Die aktuellen Krisen zeigen alle auf, wie sehr der Diskurs über das Thema fehlt.

Das liegt unter anderem auch daran, dass der Tod meistens mit Glaube in Zusammenhang gebracht wird – etwas, wozu unserer Generation Konzepte, für die früher Religionen zuständig waren, weitgehend fehlen.

Wenn wir nicht glauben, dann brauchen wir auch nicht über das Sterben nachdenken, weil es dann sowieso einfach aus ist? Naja, die Angst vor dem Nichts oder dem Nicht-Wissen ist ja trotzdem für viele Realität, wenn wir ehrlich sind.

Die meisten Vorstellungen kommen aber nicht von uns selbst, sondern sind kulturell bedingt und erlernt und sollten daher ganz grundsätzlich hinterfragt werden.

In allen ernsthaft betriebenen spirituellen Traditionen ist die Reflexion über den Tod ein wichtiger Teil der Praxis.

Langsam kommt mit dem wachsenden Interesse für Spiritualität auch der Wunsch nach einer Thematisierung vom Sterben abseits (religiöser) Klischees zurück, weil der Umgang vorherigen Generation damit nicht mehr so recht passt: Bilder mit pseudo-philosophisch nachdenklichen Sprüchen oder der morbide katholische Vorstellungen sind einfach nicht mehr zeitgemäß.

Wenn wir uns im Zuge eines bewussteren Lebens wieder mehr mit anderen Zyklen wie dem Jahres- und dem weiblichen Zyklus beschäftigen, dann gehört der Lebenszyklen und das Ende davon auch dazu.

Was das alles bringen kann? So pathetisch das klingt:

Wenn wir uns der Endlichkeit des Lebens bewusst sind, dann schätzen wir es mehr. Und wenn wir das Leben mehr schätzen, sind wir trotz aller Challenges glücklicher.

Wenn wir uns mit der Angst vor dem Tod konfrontieren, dann verliert sie an Kraft, die wir besser nutzen können. Wir setzen unsere Prioritäten anders, legen den Fokus auf das wirklich Wichtige; kommen ein bisschen weg vom Materialismus (und wir alle wissen, wie sehr Kapitalismus und Materialismus die Welt zerstören).

Wir können auch lernen mit Veränderungen besser klarzukommen, denn der Tod ist nichts anderes. Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Das alles ist simpel. Dazu muss man nicht daran glauben, dass nach dem Sterben noch irgendetwas kommt.

Die Beschäftigung mit dem Thema Tod hat also viele positive Seiten; auch wenn die Trauer, wenn jemand stirbt, dadurch natürlich nicht ausbleibt. Verdrängung von Gefühlen ist hier nicht gemeint. Aber vielleicht verändert sich das Gefühl ja auch, oder etwas komplett Unerwartetes kommt auf – etwa eine Faszination für die Mystik, die damit entsteht.

Bei mir fing das Ganze an, weil mein Opa schon sehr alt war und ich mich mit der Vorstellung, dass er bald nicht mehr da sei wird, anfreunden wollte. Als er gestorben ist war ich klarerweise sehr traurig, aber gefasst und froh, mich von ihm verabschiedet und mich im Vorfeld damit abgefunden zu haben.

Die bewusste Auseinandersetzung hat sich vor allem positiv auf meine Beziehungen ausgewirkt. Ich bin präsenter mit meinen Lieben geworden und direkter in meiner Kommuikation.

Aber es kann nicht nur dein eigenes Leben auf ein neues Level bringen:

Wenn wir mit dem Tod einverstanden sind, können wir für jemand, der selber stirbt, da sein, anstatt die Person vollzuheulen und ihr den Prozess zu erschweren.

2 Buchempfehlungen zum Thema Tod

Man kann der Person, wenn man weiß wie, sogar helfen: Im Yoga ist der Tod nämlich nicht negativ behaftet, im Gegenteil - Sterben ist ein günstiger Moment, ein Hiatus, der nicht nur gefeiert, sonder bewusst genutzt werden sollte, um aus dem ewigen Rad der Wiedergeburt auszusteigen und höhere Bewusstseinsebenen in der Astralwelt zu erreichen.

Um die sterbenden Person dabei zu unterstützen, kann man ihr Texte mit Anweisungen vorlesen, die helfen sollen, „das Licht der Erlösung“ zu erkennen und den Kreislauf der Reinkarnation zu durchbrechen. So heißt es zumindest im „Tibetischen Totenbuch“ (Bardo Thödröl). Das ist eine buddhistische Schrift aus dem 8. Jahrhundert, die darauf eingeht, was mit der Seele beim Sterben und danach passiert. Das Buch will die Kunst des Sterbens lehren und weißt auch darauf hin, dass diese schon im Leben geübt werden müsse.

Ich wurde durch den Workshop „The Art of Dying“ in meiner Yoga Schule auf das Buch aufmerksam. Dort konnte ich mich zum ersten Mal mit der Thematik auseinandersetzen und habe gelernt, wie wichtig es ist, das zu tun. Ich habe von da an beschlossen, mich intensiver damit zu beschäftigen.

Was mir noch dabei geholfen hat: 

Bücher lesen

Ich habe Texte von Menschen gelesen, die sich mit dem Tod auseinandegesetzt haben und mir Inspiration geholt. Sehr geholfen hat mir das kluge Buch „Eine Reise ins Leben oder wie ich lernte die Angst vor dem Tod zu überwinden“ von Saskia Jungnikl, die auf Konfrontation setzt, indem sie etwa mit den unterschiedlichsten Expert*innen spricht.

Gespräche führen

Tools für die Auseinandersetzung mit dem Tod

Ist überhaupt ein zentraler Punkt. Ich habe sehr direkte Gespräche mit meiner Familie geführt und vor allem auch offen mit meinen Großeltern über ihre Haltungen, Vorstellungen und Ängste gesprochen, was dann ihnen und mir gut getan hat.

Darüber hinaus kann man sich Hilfe von spirituellen Lehrer*innen, Coaches oder Therapeut*innen holen, aber auch einfach einmal das Thema mit Freund*innen anschneiden.

Btw: Menschen, die gerade trauern, wollen oft sogar darüber reden, statt das Thema totzuschweigen (hehe).

Tools

Um sich auf den eigenen Tod vorzubereiten, können Hingabe und Loslassen geübt werden. Entspannungstechniken wie Yoga Nidra und spezielle Meditationen helfen dabei.

Und Savasana am Ende der Praxis heißt nicht umsonst die Totenstellung. Vielleicht beim nächsten Mal daran denken, dass der gesunde junge Körper nicht für immer bleibt.

Setz dir Anker

Um die Sache mit dem Ende nicht immer wieder zu vergessen, kann man sich kleine Erinnerungen schaffen.

Ich habe einen kleinen Kristallschädel, der mich daran erinnert, dass meine Zeit und meine Energie kostbar, weil begrenzt sind. Wenn dann mein Blick auf das Ding fällt, wenn ich kurz vom Handy aufblicke, dann kann ich die Instagram Hypnose leichter durchbrechen und mich wieder Sinnvollerem widmen.

Egal, ob du in Zukunft nur öfter über das Sterben nachdenken oder dich in abgespacete Texte vertiefen willst, der Tod ist cool und die bewusste Auseinandersetzung damit kann dein Leben bereichern.

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